Schmerzen können in jedem Stadium von Krebs auftreten. Die Voraussetzungen für eine wirksame Behandlung von Tumorschmerzen sind eine genaue Diagnose, die richtige Einschätzung der Schmerzintensität und die umfassende Aufklärung des Patienten.

Die Diagnose Krebs ist für jeden Patienten ein Schock und verbunden mit vielen Ängsten: vor dem Tod, vor den Strapazen der Therapie und insbesondere vor qualvollen Schmerzen. Denn viele Krebserkrankungen sind mit Schmerzen verbunden. In den meisten Fällen steigern sich die Schmerzen mit dem Voranschreiten der Tumorerkrankung. Die tumorbedingten Schmerzen können aber auch erst in späteren Krebsstadien auftreten. Mit moderner Schmerztherapie kann es gelingen, die Tumorschmerzen der Patienten so weit zu reduzieren, dass sie möglichst lange aktiv am Leben teilnehmen können.1

 

Schmerzdiagnostik

Schmerzen von Tumorpatienten sollten intensiv diagnostisch abgeklärt werden. Dabei ist zunächst die Ursache der Schmerzen herauszufinden. Sie können durch die Tumorerkrankung selbst, die onkologische Therapie oder Begleiterkrankungen verursacht sein. Darüber hinaus ist es wichtig zu unterscheiden, ob der Patient unter akuten oder chronischen Schmerzen leidet. In Abhängigkeit von der Schmerzform wird die analgetische Therapie ausgewählt.

In einigen Fällen ist der Schmerz eines der ersten Symptome der Tumorerkrankung. Aber auch erst im Krankheitsverlauf können Tumorschmerzen auftreten. Eine intensive Schmerzanamnese und schmerzbezogene klinische Untersuchungen helfen dabei, die Lokalisation und Ursache des Schmerzes herauszufinden. Um Art und Ausmaß der Tumorschmerzen festzustellen, stehen eine Reihe an Untersuchungsverfahren und Diagnose-Hilfsmittel zur Verfügung:

 

  • Schmerzanamnese über körperliche und seelische Beschwerden

  • Körperliche Untersuchung

  • Neurologische Untersuchung

  • Schmerzskala zur Beurteilung der Schmerzstärke

  • Schmerztagebuch

 

Unter Umständen sind für die Diagnose von Tumorschmerzen weitere Untersuchungen erforderlich. Mittels bildgebender Verfahren wie Röntgenuntersuchungen, Computertomographie oder Magnetresonanztomographie lässt sich z. B. herausfinden, ob ein Tumor Nervenbahnen durch seine Raumforderung einengt oder Nerven schädigt.

 

Verschiedene Schmerzformen bei Tumorpatienten

Tumorschmerzen haben unterschiedliche Ursachen. So kann Tumorschmerz durch den Tumor selbst oder durch seine Metastasen entstehen. Durch eine Verkleinerung des Tumors kann es gelingen, den Schmerz zu reduzieren. Insbesondere schmerzhafte Knochenmetastasen können mittels Strahlentherapie verkleinert und Schmerzen effektiv gelindert werden. Es sollte daher überprüft werden, ob diese Maßnahme beim Tumorpatienten mit Schmerzen möglich ist.

Weitere Ursachen für das Leiden von Tumorpatienten können Druckschmerzen sein. Die gezielte Beseitigung der Ursachen kann zur akuten Schmerzentlastung beitragen. So können z. B. über die Punktion von Aszites bzw. Pleuraergüssen oder über die Beseitigung von Leberkapselspannungen oder Nervenkompressionen Druckschmerzen gelindert werden. Ebenso kann der Druck z. B. durch eine Ablaufsonde bei einem Ileus reduziert werden. Generell sollten die Therapieansätze zur Linderung von Schmerzen bei Tumorpatienten ursachenorientiert sein.3

 

Viszerale Schmerzen

Tumorschmerzen können auch viszeral bedingt sein. Viszerale Schmerzen können bei Malignitäten der inneren Organe auftreten. Innere Organe wie Lunge oder Darm enthalten in ihren Geweben keine Schmerzrezeptoren. Lediglich Organumhüllungen so wie das Bauch- oder Rippenfell sind mit Schmerzrezeptoren ausgestattet. Diese Rezeptoren sind besonders empfindlich auf Zug oder Dehnung. Ursache der Schmerzen sind vor allem das Wachstum des Tumors. Die zunehmende Raumforderung verursacht Druck auf die Organe umhüllenden schmerzsensitiven Strukturen.

 

Behandlungsbedingte Tumorschmerzen

Ebenfalls häufig treten Schmerzen nach oder während der onkologischen Behandlung auf. Die in der Krebstherapie eingesetzten Zytostatika verursachen in vielen Fällen schmerzhafte Nebenwirkungen. So kann die Radiotherapie z. B. Hautreizungen verursachen. Sowohl die Strahlen- als auch die Chemotherapie beeinträchtigen die Schleimhäute des Gastrointestinaltraktes und können neurotoxisch wirken. Zudem können Operationen Narbenschmerzen aufgrund von Nervenschädigungen nach sich ziehen.

 

Indirekte Tumorschmerzen

Mit Fortschreiten der Krebserkrankung nimmt der Bewegungsmangel zu. Zusammen mit Bettlägerigkeit kann mangelnde Bewegung zu sogenannten indirekten Tumorschmerzen führen. Dazu zählen unter anderem Dekubitus, Durchblutungsstörungen, Muskelverspannungen, Thrombosen und Embolien. Zudem kann durch die Krebstherapie das Immunsystem geschwächt sein, und es können Infektionen entstehen. Die Behandlung von z. B. durch Schleimhautläsionen verursachten Infektionen kann helfen, Schmerzen zu reduzieren. Häufig ist die kausale Therapie jedoch allein nicht ausreichend wirksam oder die Wirkung tritt erst verzögert ein. Indirekte Tumorschmerzen erfordern daher die Kombination von ursachenorientierter Therapie mit einer symptomatischen Analgesie.3

 

Einschätzung der Schmerzintensität

Die Erfassung der Schmerzstärke bzw. Schmerzintensität ermöglicht die Bewertung der Lebensqualität des Tumorpatienten und ist entscheidend für die Wahl der Schmerztherapie. Sofern möglich, soll der Tumorpatient seinen Schmerz selbst einschätzen. Geeignete Fragebögen erfragen die Schmerzintensitäten unterschiedlicher Symptome. Kann der Patient das Ausmaß seiner Schmerzen nicht selbst angeben, z. B. im Falle von Krebspatienten mit deutlich kognitiver oder körperlicher Einschränkung, sollen Angehörige oder Pflegepersonal die Schmerzintensität einschätzen.

Schmerzen sind subjektiv. Das erschwert die Messbarkeit von Schmerzen. Für eine wirksame Tumorschmerztherapie sollte der Schmerz regelmäßig gemessen und dokumentiert werden. Schmerzskalen helfen dem Betroffenen, die Schmerzintensität zu messen. Um das Ausmaß der Schmerzen bei Tumorpatienten erfassen zu können, ist es wichtig, dass die Patienten nicht nur die Intensität sondern auch die Qualität ihrer Schmerzen beschreiben. So kann Schmerz als bohrend bzw. hämmernd, dumpf, pulsierend, krampfartig, stechend, brennend oder heiß empfunden werden.

Zudem sollte erfragt werden, ob sich die Qualität der Schmerzen verändert oder gleichbleibend ist. Möglicherweise leidet der Krebspatient plötzlichen unter starken Schmerzen, während er außerhalb der Schmerzattacken relativ schmerzfrei ist. Auch die Schmerzentwicklung kann sich unterscheiden. Bei einigen Patienten kommt es langsam, in Wellen, in anfallsartigen Attacken oder einschießend zur Schmerzausbildung. Heftige Schmerzattacken können ein Hinweis auf sogenannte Durchbruchschmerzen sein. Hilfreich ist das Führen eines Schmerztagebuches. Darin dokumentiert der Patient Zeitpunkt und Intensität der Schmerzen und beschreibt die Situationen, in denen die Schmerzen auftraten oder sich verschlechterten. Schmerztagebücher gibt es in gedruckter Form sowie als App für Computer, Tablets oder Handys.

 

 

Die Rolle der Vertrauensbeziehung Arzt und Patient

Insbesondere in der Krebstherapie ist eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient unverzichtbar. Bestehen seitens des Patienten Zweifel, bestmöglich behandelt zu werden, kann sich das negativ auf die Adhärenz und den Therapieverlauf auswirken. Das vertrauensvolle Miteinander von Arzt und Patient ist ebenfalls essenziell für eine erfolgreiche Schmerztherapie. Werden dem Patienten die Mechanismen seiner Schmerzen erklärt und mögliche Therapieoptionen aufgezeigt, erleichtert dies die gemeinsame Entscheidungsfindung. Therapeut und Patient können dann gemeinsam Therapieziele festlegen und eine individuell angepasste Behandlung wählen.

Der behandelnde Arzt sollte den Patienten über die Tumorschmerztherapie umfassend informieren und auch über Vorteile und Risiken aufklären. Andernfalls besteht das Risiko, dass sich der Patient nicht adäquat behandeln lässt und stattdessen versucht, den Schmerz auszuhalten. Denn viele Schmerzpatienten fürchten die Abhängigkeit oder Nebenwirkungen von Opioiden, die unter fachgerechter Behandlung jedoch gut handzuhaben und oftmals vermeidbar sind. Umso wichtiger ist es, auch Vorurteile des Patienten abzubauen. Denn nur ein vollständig aufgeklärter Patient ist auch ein mündiger Patient.

Aufklärungsgespräche spielen daher nicht nur bei der Erstdiagnose, sondern auch im Laufe der Therapie eine wichtige Rolle. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Patient sich in einer Extremsituation befindet. Er benötigt neben Aufklärung auch emotionale Unterstützung. Denn den Patienten beschäftigen oft ganz andere Fragen wie z. B.: Warum habe gerade ich Krebs bekommen? Muss ich daran sterben? Bin ich bisher richtig behandelt worden? Was wird aus meiner Familie und meinen Freunden? Was wird aus meiner Arbeit: Werde ich entlassen, wenn ich länger ausfalle? Wie wird sich mein Leben durch den Krebs verändern?4

 

 

 

REFERENZEN

  1. Horlemann, Johannes und Florian Lordick: Schmerzen bei Krebs. Onko Internetportal. 10.12.2014
    https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/palliativtherapie/schmerzen-wirksam-bekaempfen/schmerzen-bei-krebs.html, zuletzt aufgerufen in 11/2020.
  2. Chow, E. et al.: Update on the systematic review of palliative radiotherapy trials for bone metastases. Clin Oncol (R Coll Radiol), 2012. 24(2): 112–24.
  3. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. Erweiterte S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht-heilbaren Krebserkrankung. September 2020.
    https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/128-001OLl_S3_Palliativmedizin_2020-09_02.pdf, zuletzt aufgerufen in 11/2020.
  4. Schlömer-Doll, Ute und Dietrich Doll: Patienten mit Krebs: Information und emotionale Unterstützung. Dt Ärztebl 2000; 97(46): A 3076–3081.
    https://www.aerzteblatt.de/archiv/25097/Patienten-mit-Krebs-Information-und-emotionale-Unterstuetzung, zuletzt aufgerufen in 11/2020.

 

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